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nr.16 / jan. 1999 

REISEBERICHT

We went NHL
von Stefan Herget

Dienstag, 29.12.1998 - 19 Uhr Pacific Time (4 Uhr MEZ) - Vancouver.


"O Canada, we stand on guard for thee" schallt es durch das weite Rund des General Motors Place. Solo dargeboten von einem Sänger namens Richard Looney, der äußerlich, aber nicht stimmlich Leslie Nielsen alias Enrico Pallazzo aus der "Nackten Kanone" gleicht. Die 18.900 Zuschauern beginnen zu klatschen und grölen, als die letzten Takte anklingen. Man hat das Gefühl, daß die Amerikanische Hymne zuvor von den Kanadiern nur mit Widerwillen zur Kenntnis genommen wurde. Faszinierte Blicke derjenigen, die zum ersten Mal ein NHL-Spiel live erleben, begleiten die Show und das anschließende Spiel der Vancouver Canucks gegen die Colorado Avalanche.

Der erste Tag
Doch blicken wir kurz zurück: Am Montag, den 28.12. um 10 Uhr trafen sich sechs Eishockeyfans am Frankfurter Flughafen, um sich auf den langen Weg ins ca. 8000 km entfernte Vancouver zu machen. Nach einem Zwischenstopp in London erreichten wir nach neunstündigem Flug um 18 Uhr Ortszeit unser Ziel: Die Westküste Kanadas mit der wunderschön gelegenen Stadt. Warum wir Vancouver als unser Reiseziel wählten, war mit Sicherheit nicht auf das Team der Canucks zurückzuführen, die zur Zeit eher mäßige Leistungen bieten, sondern das dort zu dieser Jahreszeit vorherrschende besonders milde Klima im Gegensatz zu anderen nordamerikanischen Gegenden. Wir sollten diesbezüglich nicht enttäuscht werden, obwohl wir bei der Ankunft mit Regen empfangen wurden.

Dieser legte sich im Laufe des Dienstags und erste Sonnenstrahlen zeigten sich, als die Stadt erstmalig erkundet wurde. Einkaufszentren wie die riesige Pacific Mall wurden ebenso angesteuert, wie die Touristenläden in Gastown, der Altstadt von Vancouver, da diese neben allerlei Touristenkitsch, jede Menge NHL-Artikel in einer unbeschreiblichen Vielfalt bieten. Ähnlich auch der Shop der Canucks im General Motors Place. T-shirts, Jerseys und Merchandiseartikel zum Abwinken.

An diesem Nachmittag war es dort noch beschaulich ruhig , doch dies änderte sich am Abend, als der Shop überlaufen wurde von unzähligen Fans, die das Spiel nutzten, um das neueste Shirt zu erwerben. Ohne Eintrittskarte hatte man dann keinen Zutritt mehr!

Die Arena
Als wir zum ersten Spiel das Stadion betraten, war das Staunen bei den Mitreisenden groß. Auf drei Etagen war es möglich hinter den Tribünen im Inneren einmal rundum zu laufen. In diesem Rundgang gab es Verpflegungs- und weitere Merchandisestände. Die Auswahl an Essen und Trinken war genauso phantastisch, wie die an Fan-Artikeln. Tachos, Nachos, Popcorn, Pizza, Burgers, Muffins, Donuts, Kaffee, Cola, Bier usw., Fernsehschirme an allen Ecken zeigten Liveübertragungen aus anderen Stadien, bzw. das aktuelle Geschehen im Inneren. Es wurde also nichts verpaßt, wenn man während des Spieles seinen Platz verließ, um sich zu stärken. Selbst auf der Toilette wurde man mit einer Radioreportage versorgt! Man wähnt sich eher in einem Vergnügungspark, als bei einer Sportveranstaltung.

Im Stadioninneren war in der obersten Etage ein Restaurant für die besseren Kreise eingerichtet, die Tribünen waren auf zwei Ebenen überlagert, zwischen diesen befanden sich Logen. Unten die teueren Plätze (natürlich mit Becher- bzw. Dosenhalter), die zu einer großen Anzahl an Sponsoren und Firmen im Jahresabo verkauft wurden und oben die "billigeren", dort wo die wahren Fans sitzen, wie uns ein Canucks Fan sagte. Selbstverständlich waren auch dort alle Plätze mit gepolsterten Stühlen ausgestattet, denn schließlich ist Hockey, dies zeigten ebenso die Verkaufsstände in den Gängen, für die Nordamerikaner Unterhaltung wie Kino, daher müssen die Sitze bequem und die Hallentemperatur angenehm sein. Die Tribünen waren steil angeordnet, so daß von jedem Platz, selbst von ganz oben, eine gute Sicht gewährleistet war. In der Mitte über der Eisfläche ragte das riesige achtseitige Gebilde mit vier Videoleinwänden und vier elektronischen Anzeigetafeln. Auf der Videoleinwand lief bereits vor dem Spiel zur Unterhaltung Liveübertragungen aus anderen Stadien der NHL bzw. von der parallel stattgefundenen Junioren-Weltmeisterschaften. An der Brüstung der oberen Etage waren mehrere kleine Anzeigetafeln befestigt, die ständig aktuelle Zwischen- oder Endstände aus der NHL anzeigten. Gigantismus pur!

Als die Spieler zum Warmmachen auf das Eis kamen, waren einige doch erstaunt, daß nur die Torhüter Helme trugen. Für die Spieler in der NHL anscheinend ein lästiges Übel. Im Spiel später hatten alle ihre Helme auf, nur die Schiedsrichter verzichteten teilweise darauf. Der Beginn des Spieles wurde mit lautstarker Musik angekündigt und von den Mannschaften die "Starting Line-Ups" (Spieler, die beim Anfangsbully am Eis sind) bekanntgegeben. Anschließend wurden die Zuschauer mit einem lustigen Video noch darauf hingewiesen, auf "querfliegende" Pucks aufzupassen, die möglicherweise die Plexiglasscheibe passieren könnten. Das war auch bitter nötig, wie sich später bei einigen Schüssen zeigen sollte. Die Zuschauer im unteren Bereich lebten gefährlich.
Das Licht wurde verdunkelt und der Einlauf der Teams mit klasse Videosequenzen und lautstarker Musik angekündigt. Der Jubel und die Begeisterung hielt sich jedoch in Grenzen, als die Mannschaften auf das Eis kamen und sich sogleich an den blauen Linien aufstellten. Wen wundert es, denn zu diesem Zeitpunkt befanden sich immer erst gut 50% der Zuschauer auf ihren Plätzen. Es folgte wie eingangs erwähnt die US-amerikanische und die kanadische Nationalhymne. Erst jetzt sollte sich das Rund nach und nach zügig füllen.

Die Spiele
Im Spiel gegen die Colorado Avalanche dauerte es gerade fünf Sekunden, da trugen zwei Spieler den ersten Fight aus. Schläger und Handschuhe weg und los ging´s, als schienen sie sich bereits vorher verabredet zu haben. Sofort kam Stimmung auf! Die Referees waren nur damit beschäftigt, die anderen Spieler fern zu halten. Die beiden Raufbolde wurden nicht daran gehindert, das Publikum zu unterhalten. Sie zerrten gegenseitig am Trikot und versuchten den Kontrahenten dabei zu bearbeiten. Erst als beide Spieler zu Boden gingen, zögerten die Linesmen keine Sekunde dazwischenzugehen und der Referee schickte beide für fünf Minuten in die Penalty-Box (Strafbank), obwohl Donald Brashear von den Canucks gewonnen hatte ;-).
Irgendwann mußte die Show schließlich ein Ende finden!

Schon nach drei Minuten leuchtete am Tisch der Zeitnahme ein rotes Licht auf, welches einen sogenannten "commercial break" anzeigte. Bei der Fernsehübertragung wurde nun für eine Minute Werbung gezeigt und damit die Fernsehzuschauer nichts verpassen würden, liefen die Spieler zur Bande, erholten sich und bekamen neue taktische Anweisungen. Brisanterweise wurde dieser Akt auch bei Spielen, die gar nicht übertragen wurden, eingestreut. Vier Mal in einem Drittel war dies der Fall und damit den Zuschauern im Stadion nicht langweilig wurde, wurde ihnen die Zeit mit diversen Gewinnspielen, die natürlich auch von irgendeiner Firma gesponsort wurden, vertrieben. Da stürmten z. B. auf einmal zehn Pizzabäcker einen Block, um diesen kostenlos mit Boston-Pizzas zu versorgen.

Bis auf Anfeuerungsrufe einzelner "fanatischer" Fans, ein gelegentliches Aufraunen bei Chancen, das Ausbuhen des Referees bei vermeintlichen Fehlentscheidungen oder dem frenetischen Torjubel herrschte während des Spiels gediegene Ruhe im weiten Rund. So wurde versucht in Spielpausen die Stimmung anzuheizen. Wenn man aber deutsche Verhältnisse gewöhnt ist, bei der Anfeuerung einer Mannschaft, dann mußte man zum Schluß kommen, daß auch diese Maßnahmen nur zur Unterhaltung des Publikums dienten. Das bekannte Spielen der Orgel war nur eines davon. Dazu wurden alle über die Leinwand aufgefordert rhythmisch zu klatschen. Dies kam stimmungsmäßig ganz gut rüber, wenn alle mitmachten. Ab und zu wurde auf der Videowand der Geräuschpegel im Stadion gemessen und aufgefordert "Let´s make some noise!" (Laßt uns Lärm machen), sowie "Louder" (Lauter) und sogleich wurde lauthals gegrölt. Alles aber nur auf Kommando!

Beim Spiel gegen die Montreal Canadiens wären solche Maßnahmen zur Anheizung der Stimmung nicht notwendig gewesen, denn da war schon etwas mehr Feuer unter dem Dach. Schließlich herrscht zwischen zwei kanadischen Teams eine besondere Rivalität. Aber nicht Vancouver wurde unterstützt, sondern viele Montreal-Fans, die gut ein Drittel des Stadion inne hatten, feuerten ihre Mannschaft lautstark mit "GO, HABS, GO!" an. Fraglich war nur, von wo sie alle gekommen waren, denn aus dem weit entfernten Montreal waren sie sicher nicht angereist. Aber die Canadiens haben aufgrund ihrer großen Tradition viele Fans auch außerhalb Montreals.

Das war aber die Ausnahme, denn bei den meisten Zuschauern war nur wenig Identifikation und das bedingungslose Zittern mit der Mannschaft zu spüren. Dies bemerkte man vor allem, wenn man einmal das Verhalten des Publikums beobachtete. Häufig wurde selbst während des Spieles der Stadionkessel verlassen, um sich in den bereits beschriebenen Gängen mit Cola oder Pop Corn zu versorgen. Selbst in heißen Spielphasen ließ sich der Zuschauer nicht davon abbringen, seinen Hunger und Durst zu stillen. Bei dieser Beobachtung war das Stadion aber auch in zwei Hälften zu teilen. Dieses Verhalten legten besonders die Zuschauer der unteren, teueren Plätze an den Tag. Sie waren es auch, die bereits fünf Minuten vor Schluß das Stadion verließen, ganz egal, wie es stand. Besonders kraß war es uns im Spiel gegen Montreal aufgefallen, denn just als zu besagter Zeit die Canucks bei einem 0-2 Rückstand in Überzahl waren, leerte sich das Stadion. Es war doch sehr verwunderlich, schließlich war noch genug Zeit den Ausgleich und damit die Verlängerung zu erzwingen. Nach dem 1-2 Anschluß wäre dieses Kunststück auch fast geglückt, da die Canucks vor dann nur noch ca. 8.000 Zuschauern auch noch die Latte trafen.
Die meisten im weiten Rund verpaßten auch John LeClairs Knaller eine Minute vor Schluß zum 6-2 Endstand für die Philadelphia Flyers an Silvester. Wir staunten nicht schlecht über die Wucht dieses Schusses, der zum Glück Garth Snow nicht traf, sondern ins Tor ging ;-) !

Das Nachspiel war nicht minder interessant. Im Fernsehen liefen den ganzen Abend die Tore aus den NHL Begegnungen und im Radio wurde zwei (!) Stunden über die Lage des Teams diskutiert. In Vancouver gab es nach den Leistungen und drei Niederlagen viel Gesprächsstoff. In den Pubs wurden die Gäste an etlichen Fersehschirmen mit den Informationen versorgt.

Die Stars
Unsere kleine, aber feine Gruppe hat einen schönen und sehr lustigen Aufenthalt erlebt. Bei Ausflügen nach Whistler und Vancouver Island konnten wir auch die herrliche Umgebung Vancouvers genießen und andererseits im GM Place Spieler wie Mark Messier, Alexander Mogilny, Peter Forsberg, Claude Lemieux, Valeri Kamensky, "Jonnie" LeClair, "Roddie" Brind'Amour, Marc Recchi, Saku Koivu, Vincent Damphousse u.v.a. live erleben. Wir haben 17 Tore, einen Penalty, den Martin Rucinsky gegen Corey Hirsch vergab und vor allem gegen Colorado viele Strafzeiten gesehen. Nur schade, daß sich ausgerechnet Eric Lindros ein Spiel vor seinem Auftritt verletzte. Vielleicht wollte er auch nur New Year´s Eve zu Hause feiern?

Ich möchte mich im Namen der Redaktion bei den weiteren Teilnehmern Mirja, Friedel, Roland, Markus und Bernd für ihre Kooperation bedanken und daß sie mit zum Gelingen dieser Reise beigetragen haben. Wir hoffen es hat allen Spaß gemacht. I´ve enjoyed it! (sth)

(C) NHL - Eishockeymagazin Schäffler & Rösch GbR

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